Turbulenzmessungen in Wolken mit ACTOS

Hochaufgelöste Wolkenmessungen

Die Turbulenz in Wolken umfaßt eine grosse Bandbreite von räumlichen Skalen die an den verschiedenen Prozessen beteiligt sind; sie beginnt bei der Größenordnung der Wolken selber (~ 100 - 1000 m) und reicht bis hin zum Dissipationsbereich (~ 1 mm) wo turbulente kinetische Energie in Wärme umgewandelt wird. Diese grosse Bandbreite von bis zu sechs Größenordnungen macht die Messung von turbulenten Prozessen im allgemeinen sehr kompliziert und nicht alle Skalen können in einem Experiment zugleich erfaßt werden. Turbulenz und deren Einfluß auf die verschiedenen Wolkenprozesse ist ein zentrales Thema der aktuellen Atmosphärenforschung bei denen noch sehr viele Fragen z.T. recht kontrovers diskutiert werden. Auf großen Skalen wird z.B. an Wolkenrändern und and der Wolkenobergrenze untersättigte Umgebungsluft in die Wolke eingemischt; diesen Vorgang nennt man Entrainment. Auf kleineren Skalen werden die eingemischten "Luftpakete" schliesslich mit der Wolkenluft vermischt und somit die thermodynmischen Bedingungen in denen sich die Wolkentropfen entwickeln können modifiziert. Ständige Wiederholung dieser Prozesse führt letztendlich zu einer Verbreiterung der Tropfengrößenverteilung. Besonders an Wolkenoberkanten und an Rändern findet man daher durch Entrainment besonders viele kleine und vergleichsweise große Wolkentropfen. Wirbel auf immer kleiner werdenden Skalen führen letzendlich zur Homogenisierung der Wolkenbereiche. Auf noch kleiner werdenden Skalen bis hin zu Längen vergleichbar mit den Wolkentropfen selber findet eine direkte Wechselwirkung zwischen Turbulenz und Wolkentropfen statt. Die sogenannte Wirbelhaftigkeit ("Vorticity") und damit auch die lokale Beschleunigung der Luftpakete ist im Dissipationsbereich am größten. Aus diesem Grund können Tropfen entsprechender Größe den Stromlinien wegen ihrer Trägheit nicht mehr folgen und werden in Bereichen geringerer Vorticity angereichert. Somit wird also auch die räumliche Verteilung von Wolkentropfen beeinflußt ohne dass die Tropfengrößenverteilung aus thermodynamischen Gründen verändert wird. Dieser Effekt hat große Bedeutung für das Tropfenwachstum auf Grund von Kollision und Koaleszenz und somit wahrscheinlich auch für die Entstehung von Niederschlag. Besonders diese Fragestellung ist auf Grund von messtechnischen Limitierungen bisher in realen Wolken noch kaum untersucht. Ein grundlegendes Problem ist jedoch, daß die meisten Turbulenzmessungen in Wolken bisher mit Forschungsflugzeugen durchgeführt wurden die auf Grund ihrer hohen Fluggeschwindigkeit nur eine räumliche Auflösung im Meterbereich erlauben. Angenommen ein Flugzeug fliegt mit einer relativen Geschwindigkeit zur Umgebung ("True Airspeed, TAS") von 100 m/s, so müßten Turbulenzsensoren im 100 kHz-Bereich abgetastet werden um den Dissipationsbereich zeitlich und räumlich auflösen zu können. Dies ist schon für Messungen im Labor (z.B. Windkanal) eine messtechnische Herausforderung und auf Flugzeugen bisher kaum machbar. Weiterhin sind die verschiedenen Messsysteme häufig weit über das Flugzeug verteilt und somit können verschiedene Parameter auf kleinen Skalen oft schlecht miteinander korreliert werden. Um diese Probleme zu minimieren wurde das Turbulenzmesssystem ACTOS (Airborne Cloud Turbulence Observation System) für Turbulenzmessungen in Wolken entwickelt, welches im weiteren näher vorgestellt wird.

Das Turbulenzmesssystem ACTOS

Das Turbulenzmesssystem ACTOS ist ein autonomer Messgeräteträger für räumlich hochaufgelöste Wolkenmessungen im Zentimeter- bis Dezimeterbereich und wurde im Jahr 2000 zum erstenmal erfolgreich eingesetzt. Das System beinhaltet eine große Anzahl von verschiedenen Sensoren für die Bestimmung von Turbulenz- und wolkenmikrophysikalischen Parametern (Sensortabelle). Zusätzlich ist ACTOS mit einem eigenem Navigationsmodul ausgestattet mit dem die Lagewinkel, Position und Inertialbewegungen von ACTOS gemessen werden können. MIt Hilfe dieser Meßgrößen kann der gemessenen Windvektor in ein erdfestes Koordinatensystem transformiert werden. Eine Echtzeitdatenerfassung und eigene Stromversorgung komplettieren das System. Telemetrie oder Glasfaserkabel ermöglichen die Online-Überwachung das Systems während des Fluges. In der aktuellen Version besteht der Hauptteil von ACTOS aus fünf 19"-Standardracks in denen der Hauptteil der Elektronik, Stromversorgung und Datenerfassung untergebracht ist. In Abbildung 1 und der schematischen Skizze (Abb. 2) ist dieser Teil als rote mittlere Einheit des Systems zu erkennen. Das Heckteil besteht aus einem Leitwerk welches ACTOS in die mittlere Strömung ausrichtet. Auf der Spitze des signalroten Leitwerks befindet sich ein Antikollisionslicht um die Sichtbarkeit von ACTOS v.a. für andere Flugzeuge zu erhöhen. Der Vorderteil beinhaltet die empfindlichen Senorgruppen, welche an einem aus Karbonrohren bestehendem Ausleger befestigt sind. Bei dieser Anordnung sind alles Sensoren dicht beieinander und der Einfluss von störenden Strömungseinflüssen durch den soliden Mittelteil von ACTOS minimal. Das Unterteil von ACTOS ist als breites Kufengestell ausgelegt um eine sicherer Landung zu gewährleisten. In der gezeigten Hubschrauber-Version ist ACTOS insgesamt etwa 5.5 m lang und hat je nach Sensorausstattung und Trägersystem ein Eigengewicht von ungefähr 200 kg.


ACTOS kurz vor dem Start Schematische Skizze von ACTOS mit den wichtigsten Bauteilen und Sensoren
Abb 1.: ACTOS kurz vor dem Start Abb 2.: Schematische Skizze von ACTOS mit den wichtigsten Bauteilen und Sensoren



ACTOS mit verschiedenen Trägersystemen

In den letzten Jahren wurde ACTOS in Zusammenarbeit mit der enviscope GmbH, Frankfurt/Main ständig weiterentwickelt und in zahlreichen Feldmesskampagnen eingesetzt. Da das System als eigenständige Messnutzlast konzipiert ist, kann es unter verschiedenen Trägersystemen betrieben werden. Bis Mai 2004 wurde ACTOS mit Hilfe des Fesselballonsystems MAPS-Y (Abb. 3)für Messungen in Grenzschichtwolken eingesetzt. Dieser Fesselballon ist 24 m lang und hat ein Volumen von 400 m3. Der Ballon wurde von der Wehrtechnischen Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen (WTD-71) bereitgestellt und betrieben. In dieser Konfiguration wurde ACTOS etwa 25 m unter dem Ballon befestigt um vom Ballon unbeeinflußte Messungen durchführen zu können. Das Gesamtsystem konnte je nach Windverhältnissen bis in Höhen von 1600 m und bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 15 m/s geflogen werden; das Maximalgewicht von ACTOS betrug 120 kg. Im April 2005 wurde ACTOS zum erstenmal mit Hilfe eines Hubschraubers vom Typ BELL LongRanger (Abb. 4) (Rotorflug GmbH) geflogen. In dieser Konfiguration wurde ACTOS mit Hilfe eines 140m langen Seils am Lasthaken des Hubschraubers befestigt und erreichte maximale Höhen von 10.000 ft (ca. 3000 m). Bei ersten Messflügen wurde unter Sichtflugbedingung (Visual Flight Regulations, VFR) geflogen und nur die Aussenlast in die Wolken von oben eingetaucht. Für die Zukunft sind auch Flüge unter Instrumentenflugbedingunen (Instrumental Flight Regulations, IFR) geplant, so daß auch in ausgdehnten und geschlossenen Wolkenfeldern Messungen durchgeführt werden können. Mit dieser Konfiguration können Wolken geziehlt angeflogen und vermessen werden. Zusammen mit der erhöhten Maximalhöhe wird das System ACTOS im Hubschraubereinsatz deutlich flexibler als in der Ballonversion.


Fesselballonsystem MAPS-Y der WTD-71, Eckernförde ACTOS vor dem BELL LongRanger
Abb 3.: Fesselballonsystem MAPS-Y der WTD-71, Eckernförde Abb 4.: ACTOS vor dem BELL LongRanger



Publikationen zu ACTOS & Instrumentenentwicklung

Projekte und Ergebnisse von Messeinsätzen

Technische Details zu einzelenen Sensorgruppen (English Version only)

Letzte Änderung: 2005-12-07